Im Portrait

Kirchvorsteher Michael Lüke aus Wittgensdorf

Wie Michael Lüke in den Kirchenvorstand gekommen ist
Ich bin 1988 in den Kirchenvorstand von Ebersdorf gekommen. Ich fand es damals sehr schön, wie herzlich ich aufgenommen wurde mit 23 Jahren. Mir haben alle das „Du“ angeboten. Da waren Doktoren dabei. Es waren gestandene Leute. Und dort hab ich das erste Mal eine ganz herzliche Gemeinschaft – auch eine geistliche – verschiedenster Menschen vorgefunden. Diese wirklich beeindruckend schöne Erfahrung habe ich dann zehn Jahre später auch ganz ähnlich in Wittgensdorf gemacht, als ich dort kurz nach unserem Umzug in den Kirchenvorstand berufen wurde.  Das heißt: Die Kirchenvorstandsarbeit hat mein Leben als junger Mann geprägt und prägt es bis heute.

Über die Zusammensetzung des neu gewählten Kirchenvorstands in Wittgensdorf
Im neuen Kirchenvorstand sind wir neun, vier Frauen und fünf Männer. Aufgrund der neuen Bestimmungen ist sogar ein Mitarbeiter aus der Jungen Gemeinde hineingewählt worden. Der ist 19 Jahre alt und hat gerade sein Abitur fertig. Fängt in Chemnitz an zu studieren.

Den Vorsitz hat unsere Prädikantin Susan U. Ich finde es gut, dass die Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen als Team die Gemeinde leiten und der Pfarrer keine exponierte Stellung hat. Ich bin dankbar für das, was unser Pfarrer hier auch tut, ich freue mich aber, dass jetzt nach sechs Jahren das erste Mal wieder eine ehrenamtliche Mitarbeiterin Vorsitzende ist.

Über die konzeptionelle Arbeit des Kirchenvorstands seit dem Jahr 2000
2000 hatten wir einen ersten großen Konzeptionstag. Wir wollten uns als Kirchenvorstand nicht mehr so auf die Tagesaufgaben, die aktuell anliegen, konzentrieren und ihnen hinterherhecheln, sondern eine Vision oder ein Gemeindeleitbild entwerfen auf biblischer Grundlage.

Und es ging auch darum, unsere Gemeindearbeit neu zu strukturieren: Aufgaben verteilen, Schwerpunkte setzen und eigene Teams bilden, auch um den Kirchenvorstand in der konkreten Sacharbeit vom Tagesgeschäft zu entlasten. Ein wesentlicher Grund für diese Neustrukturierung lag darin, dass wir uns als Gemeindeleitung, als „Älteste“ dieser Gemeinde verstanden haben und dass ein wesentliches Anliegen eines Kirchenvorstandes auch die geistliche Leitung einer Gemeinde sein soll.

Unser Leitbild haben wir damals so formuliert:
Zur Ehre Gottes sollen möglichst viele Wittgensdorfer Gott kennen und lieben lernen, Gemeinschaft und Heimat finden, im Glauben wachsen und durch Mitarbeit füreinander da sein.  

Auch heute noch wird dieses Leitbild, diese Vision oder Präambel unserer Gemeinde immer mal wieder auf die Tagesordnung gebracht, sodass wir dann auch kritisch Resümee ziehen: Wie sieht es denn damit aus? Und dass wir dann auch selber untereinander kritisch Position beziehen.

Über die Kirchenvorstandsarbeit als geistliche Gemeindeleitung
Geistliche Gemeindeleitung sieht bei uns so aus, dass wir als Kirchenvorstände alle eingeladen worden sind, den sog. kleinen Lektorendienst zu übernehmen, d.h. im Gottesdienst die Gemeinde zu begrüßen, die biblischen Lesungen zu übernehmen, das Fürbittgebet mitzugestalten und den Gottesdienst nachzubereiten. Das hat uns auch viele wertvolle Impulse für unsere geistliche Leitungsarbeit gebracht. Neben der Gottesdienstgestaltung sind wir als Leiter und Leiterinnen  in einzelnen Teams aktiv, also in Gebetskreisen oder anderen Gemeindekreisen.

Aber geistliche Kirchenvorstandsarbeit erschöpft sich nicht nur in der Gottesdienstgestaltung oder in der originär geistlichen Leitung, sondern besteht auch in praktischen Dingen. Weil nach Luther auch ganz praktische Dinge (wie die Kirchturmerneuerung, die aktuell bei uns geschieht oder der Innenausbau unserer Kirche) geistliche Gemeindeleitung darstellt. Wir haben zum Beispiel vor 14 Tagen einen Riesenlaubeinsatz gehabt. Der hat uns auch eine Menge Gemeinschaft gebracht. Fröhliche Gespräche. Miteinander zu arbeiten an einem gemeinsamen Ziel und sei es auch nur praktischer Art – das ist für mich auch ein Stück geistliche Gemeindeleitung.

Über den Kirchenvorstand als geistliche Gemeinschaft
Es ist so, dass wir in den Sitzungen immer mit einer Andacht beginnen, die von den Kirchvorsteherinnen und Kirchvorstehern gehalten wird. Das find ich schon mal sehr gut, dass wir dort, ringsum im Kirchenvorstand abwechselnd eine Andacht zu hören bekommen, von Ehrenamtlichen. Dann auch ab und zu von dem Pfarrer natürlich. Wir wechseln uns ab, Monat für Monat, und im Anschluss ist Gebetsgemeinschaft. Natürlich freiwillig. Wer nichts sagen möchte, muss nicht. Aber ich finde das sehr angenehm, dass wir vor der Kirchenvorstandssitzung miteinander beten. Und zum Abschluss findet auch noch mal ein Gebet statt, meist zu später Stunde und ein Abendsegen.

Einmal im Monat haben wir auch Mitarbeiter-Gebetskreis, wo wir eigentlich ausschließlich und exklusiv für Belange in der Gemeinde oder Landeskirche beten. Da sind die Teamleiter mit dabei, die Leiter der Gemeindekreise, aber auch der Kirchenvorstand. Das ist kein Muss und kein Zwang. Es kommen auch nicht immer alle. Aber es ist eine Möglichkeit, miteinander geistlich ins Gespräch zu kommen.

Was ist mir noch an anderen Formen geistlicher Gemeinschaft vorstellen könnte? Dass wir vielleicht noch theologischer miteinander arbeiten. Über Grundfragen des Glaubens. Über Dinge, über die man im Gemeindealltag weniger spricht, die auch im Gottesdienst umfänglich nicht so angerissen werden können, auch nicht in Bibelwochen oder Gebetsabenden. Dass man über prinzipielle Fragen des Glaubens, die ja zur Zeit auch aktuell sind und in unserer Landeskirche diskutiert werden, mehr miteinander ins Gespräch kommt und vielleicht auch den eigenen  Glauben sprachfähiger macht und sein eigenes theologisches Profil schärft.

Über das Miteinander im Kirchenvorstand
Wir sind ein sehr vielfältiger Kirchenvorstand mit geistlich unterschiedlichen Beheimatungen. Das macht unsere Kirchenvorstandsarbeit ausgesprochen bunt und wir ergänzen uns. Das hat auch mein Kirchenvorstandsleben sehr bereichert, dass wir sehr unterschiedlich geprägte Menschen sind. Ein nicht kleiner Teil kommt nicht aus der Gemeinde, sondern ist zugezogen, so wie ich. Und wir haben alle dort – nicht zuletzt durch die Mitarbeit – in unserer Gemeinde Heimat gefunden und das trifft auf etliche Kirchvorsteherinnen und Kirchvorsteher hier bei uns zu.

Ich würde schon sagen, dass wir liebevoller miteinander diskutieren als andere Gremien – z.B. im kommunalen Bereich – selbst wenn es hart wird und die gegensätzlichen Meinungen aufeinander prallen. Es sind auch schon Tränen geflossen. Kann man sich gar nicht vorstellen. Aber es ist so und ist vielleicht auch gut so. Das gehört auch – denk ich – zur Nächstenliebe: Bestimmte Dinge sehr offen und ehrlich auszudiskutieren und dann auch Sachen auf den Tisch zu legen.

Es gibt Dinge, für deren Klärung wir lange gebraucht haben. Es gibt Dinge, die noch in Klärung sind. Aber trotzdem sind wir untereinander als Kirchvorsteher immer zusammengeblieben. Innerhalb des Kirchenvorstandes gibt es und gab es auch keine dauerhaft ungelösten Konflikte aufgrund unterschiedlicher geistlicher Anschauungen. Ich bin sehr dankbar, dass wir in den vergangenen Jahren Konflikte gut lösen konnten. Auch schon mit Mediatoren. Da gab es einen Prozess der Versöhnung, dass wir verschiedene geistliche Richtungen wieder gemeinsam an den Tisch, an den Altar und in die Gemeinde gebracht haben. Das war auch innerhalb unseres Kirchenvorstandes ein spannender und spannungsgeladener Prozess.

Und ich bin dankbar, dass wir in den letzten 6 Jahren im Kirchenvorstand mit neuer Einheit und Geschlossenheit unsere Gemeindeziele gemeinsam verfolgen konnten. Das waren meine besten 6 Jahre Kirchenvorstand, die ich jetzt erleben durfte nach diesem Versöhnungsprozess, der uns vorher sehr beschäftigt hat.